Dresdner Innungsleben um 1500
- entnommen aus “Aus der Heimat – Geschichten, Schilderungen und Beschreibungen von Dresden und seiner Umgebung”, Bleyl & Kaemmerer, Inh.: O. Schambach, 1907 -
Auf der staubigen und holprigen Wilsdruffer Landstraße kommt ein junger Bursch gewandert. Er trägt eine Filzkappe auf dem Haupte, ein Felleisen von Ziegenhaut auf dem Rücken und in den Händen einen eisenbeschlagenen Knotenstock. Seine Kleidung besteht aus einer Hose und Bluse von dunklem Tuche, und seine Füße stecken in großem Schlappstiefeln. So schreitet er rüstig vorwärts, bis er die Türme und Mauern von Dresden erblickt.
Noch ein gut Stück vor dem Tore macht er Halt, stäubt seine Stiefeln und Kleider ab und schreitet dann über die Zugbrücke nach dem Torhause, wo der Torwart ihm den Weg vertritt und ihn fragt: “Woher des Wegs?” “Bin ein Bremer Kind und ein Schustergesell, der hier Arbeit sucht!”, antwortet der Wanderer. “Ohne das Handwerkszeichen kein Einlaß,” brummt der Wächter. Da nimmt der Gesell seinen Ranzen unter den linken Arm, stellt beide Füße zusammen, reicht ein viereckiges Blechstück, auf welches die Zeichen des Handwerkes eingegraben sind, dem Torwart und sagt: “Dahier!”
„Geh in Gottes Namen!“ antwortet dieser, und der junge Gesell schreitet durch den Gang. In der Mitte der Wilsdruffer Gasse hält er still vor einem Hause, an dem die Zeichen der Schuhmacherzunft über der Türe hängen. Dann klopft er an, tritt ein und sagt: „Schönen guten Abend, Herr Vater, ich wollt´ Euch angesprochen haben von wegen des Handwerks, ob Ihr mich und mein Bündel heute wollet herbergen, mich auf, mein Bündel unter der Bank.“
Dabei nimmt er den Hut zur Rechten und das Felleisen unter den linken Arm und fährt fort: „Ich will mich halten nach Handwerks Brauch und Gewohnheit, wie es einem ehrlichen Schustersknecht zukommt, mit reinem Mund und reiner Hand!“ – „Sei willkommen von wegen des Handwerks; lege dein Bündel; ich will den Altschaffer rufen lassen, dass er dich umschaut!“ sagt die Herbergsmutter.
Der Altgesell kommt. Da erhebt sich der Zugewanderte, setzt den Hut auf, geht dem Eintretenden entgegen und legt seine linke Hand auf dessen rechte Schulter. Das Gleiche tut der Altgesell und spricht: „Hilf Gott, Fremder! Schuster?“ – „Stück davon!“ spricht der Fremde. „Wo streichst du her bei staubigem Wetter?“ – „Immer aus dem Land, das nicht mein ist!“ – „Kommst geschritten oder geritten?“ – „Ich komme geritten auf zwei Rappen aus eines guten Meisters Stall.“ – „Worauf bist du ausgesandt?“ – „Auf ehrbare Beförderung und Ehrbarkeit! Handwerks Brauch und Gewohnheit!“ – „Wann fängt selbige an?“ – „Sobald ich meine Lehrzeit ehrlich und treu ausgestanden!“ – „Wann endigt selbige?“ – „Wenn der Tod mir das Herz zerbricht!“ – „Was trägst du unter dem Hut?“ – „Eine hochlöbliche Weisheit!“ – „Was unter der Zunge?“ – „Eine hochlöbliche Wahrheit!“ – „Was frommt unserm Handwerk?“ – „Alles, was Gott weiß und ein Schustergesell!“ – Darauf nehmen sie beide den Hut ab, der Altschaffer reicht dem Fremden die Hand und spricht: „Sei Willkommen wegen des Handwerks! Wie heißt du? Was ist dein Begehr?“ – „Ich heiße Niklas Ruhle, bin aus Bremen gebürtig und wollte dich gebeten haben, du wolltest mir Handwerksgewohnheit widerfahren lassen und mich umschauen; ist es nicht hier, so ist es anderwärts!“ – „Ich hab´s noch keinem abgeschlagen, wie steht´s mit der Kundschaft?“ – „Geburtsbrief und Dankelbrief, alles in Ordnung!“ – „Wo hast du deinen Lehrbraten verschenkt?“ – „In der guten Stadt Bremen. Da sah ich eine Stube mit vier Winkeln, einem Tisch mit vier Ecken und darauf eine offene Lade. Ich habe auch gesehen einen hochlöblichen Willkommen und Schenkkännel mit Bier, daraus hab´ ich getrunken einmal oder vier, hätte ich mehr getrunken, so würde es mein Schade nicht gewesen sein.“
Der Altgeselle sagt: „Wollen die Meistertafel sehen, wer darauf geschrieben!“ Darauf antwortet der Zugereiste: „Von mir wird er nicht viel lernen: das Land auf und nieder laufen, Kleider und Schuh zerreißen, dem Vater Bier austrinken, je nachdem es der Beutel kann.“
Damit war die altherkömmliche, bei jedem Zugereisten immer aus gleicher Frag´ und Antwort bestehende Prüfung beendet, der Altgesell nahm aus der Handwerkslade die Tafel und sagte: „Meister Kunz in der Seegasse hat einen Schusterknecht vonnöten; ich will hingehen und dich bei ihm umschauen.“ Er ging und rief der Herbergsmutter zu: „Frau Mutter, der Fremde hat das Handwerk bewiesen, nun wollen wir ihm auch Handwerksgerechtigkeit erweisen; gebt ihm die Vorschenke, bis ich zurückkomme!“ Die Wirtin brachte einen Krug Dresdner einfach Bier, und der Schuster trank in vollen Zügen die ersehnte Labe. Nach einer Viertelstunde kam der Altgesell wieder und sprach:
„Ich bin gegangen
Nach deinem Verlangen,
Nach meinem Vermögen,
So weit das Handwerk redlich gewesen!
Meister Kunz lässt dir auf vier Wochen Arbeit zusagen!“
Dann trinken sie nach Handwerksbrauch einige Kannen.
Die Glocke schlägt neun. Der Altgesell geht, und Niklas schläft bis zum Morgen, wo er zum Meister Kunz geht. Das Meisterhaus ist ihm nun Vaterhaus; hier arbeitet er, hier wohnt er, und zur Mahlzeit sitzt er inmitten der Familie zu Tisch. Durch die Handwerks- und Innungsgesetze sind sein Leben und sein Verkehr geregelt. Kommen Meister und Gesellen zu einer Innungsberatung zusammen, so vollzieht sich auch hier vor geöffneter Lade alles nach altgewohntem Spruchwort und bestimmter Wechselrede. Die Handwerksgesetze waren eisenfestes Band, das in Freud und Leid, in Heimat und Fremde die Glieder eines Handwerks zusammenhielt.
Auch das brave Bremer Kind hält sich ehrbar zum Handwerke, und es gefällt ihm gut beim Meister Kunz. Ein Jahr ist um, das letzte der vorgeschriebenen vier Wanderjahre, die durchlebt sein müssen, ehe ein Schusterknecht Meister werden darf. Da kommt die Sehnsucht nach der Vaterstadt. … Da sagt er zum Meister: „Meister, ich will fremd werden bei Euch!“ und nach vierzehn Tagen wandert der Niklas durch das Tor. …
Ähnlich verlief auch das Leben jedes Dresdner Handwerkers. Nach vier- oder fünfjähriger Lehrzeit, die in strenger Zucht und Sitte den Lehrling im Handwerke ausbildete und an die Handwerksbräuche und Innungsgesetze gewöhnte, musste der junge Handwerker auf vier oder fünf Jahre „fremd“ werden, das heißt auf Wanderschaft gehen, … Vorher aber hatte er durch sein „Gesellenstück“ zu zeigen, dass er etwas Ordentliches gelernt hatte … und seinem Handwerk Ehre machen würde. Kam dann nach der Wanderzeit der weitgereiste Geselle wieder heim, war er „ordentlich und ehrbar“ geblieben, so konnte er ein Handwerks- und Innungsmeister werden.
Am 11. Februar 2010 - Veröffentlicht in: Innungen und Verbände, Qualität und Tradition